«Der versteckte Charme des Islam»

 

 

 

 m Zürcher Volkshaus diskutierten gestern Sonntag 700 Musliminnen und Muslime streng nach Geschlechtern getrennt, wie sie nach dem Minarettverbot in der Schweiz leben können.

Eigentlich hätte gestern der Deutsche Pierre Vogel am Symposium des Islamischen Zentralrates Schweiz auftreten sollen. Jener Pierre Vogel, der als «Hassprediger» Schlagzeilen machte und der mit einer Einreisesperre belegt wurde, als er nach dem Minarettverbot gegen die negative Stimmung gegenüber dem Islam protestieren wollte. Der Islamische Zentralrat musste ihn auf Druck des Volkshaus-Stiftungsrates aber wieder ausladen.

So fand das gestrige Symposium ohne Vogel statt. Ganz ohne provokative Thesen verlief es dennoch nicht. Nicolas Blancho, Präsident des Zentralrates, zählte fast eine halbe Stunde lang Verbrechen auf, die sich in der sogenannt zivilisierten Welt ereigneten – Morde an Kindern und jungen Frauen, Amokläufe, Familiendramen – und am Ende behauptete er, das Christentum sei an allen Missständen Schuld. «Einverstanden?» fragte er sein Publikum. Erst war es ruhig, aber dann antworteten die Männer im Chor: «Nein». Blancho lächelte befriedigt: «Man kann euch also nicht so einfach radikalisieren.» Kein Muslim, kein Mensch, so sagte er, käme auf die Idee zu behaupten, das Christentum sei schuld an allen Missständen. Aber ebenso wenig sei es der Islam. Und deshalb habe man auch kein einziges Problem gelöst, wenn man Kopftücher verbiete.

 «Nur Männer»

Etwa 250 vorwiegend junge Musliminnen und Muslime sassen am Sonntagmorgen im Volkshaus. Bis zum Abend zählten die Veranstalter 700 Besucher. Im Parterre sassen die Männer, viele mit Bärten und weisser Kappe, oben auf der Empore die Frauen – mit und ohne Kopftücher. Zwei Frauen trugen Ganzkörperverschleierung. «Die ordentliche, physische Trennung der Geschlechter ist garantiert», stand schon in der Einladung, und am Sonntag wurden Medienleute darauf hingewiesen, dass Journalistinnen überall zirkulieren dürfen, auch dort, wo Schilder vorschreiben «nur Männer». Journalisten hingegen dürfen sich nur im Parterre bewegen. Der Zentralrat veranstaltete das Symposium, um zu diskutieren, wie Muslime und Andersgläubige nach dem Minarettverbot zusammenleben können. Das sei der einzige Weg, der Islam sei aus Europa nicht mehr wegzudenken, sagte Blancho und betonte: «Der Islam ist keine Gefahr für die Schweiz.»

Es waren vorwiegend versöhnliche Töne zu hören. Der Zürcher Imam Muhammad Hakimi forderte die Muslime auf, sie sollten den Dialog suchen, um Andersgläubigen die Schönheit und den versteckten Charme ihrer Religion zu zeigen. Er versuchte vor allem zu erklären: Weshalb die Schweiz Ja sagte zum Minaretverbot (etwa wegen der steigenden Ausländerfeindlichkeit, zu der auch unverantwortlich handelnde Ausländer beigetragen hätten). Weshalb sich manche Muslime einkapseln (aus Angst, dass die Mehrheit sie auslöscht). Und er erklärte die Rolle von Mann und Frau im Islam. Beide seien gleichberechtigt. Aber Allah habe die Verantwortung für die Familie dem Mann übertragen und so die Frau entlastet. Und: Ein Mann dürfe seine Frau nicht schlagen. Nur wenn keine Ermahnung mehr helfe, dürfe er sie im übertragenen Sinne schlagen: mit Worten.

 Auch Juden haben eigene Schule

 Der islamische Zentralrat wurde im Oktober 2009 mit dem Ziel gegründet, die Grundanliegen aller muslimischen Glaubensrichtungen zu vertreten. Seit Anfang Dezember hat er 700 Mitglieder gewonnen, Ziel sind 10'000 Mitglieder innert zwei bis drei Jahren. In der Schweiz leben etwa 450'000 Muslime. Der Zentralrat will sich unter anderem für einen Fatwa-Rat einsetzen, der Muslime berät, wie sie in der Schweiz nach dem Islam leben können. Zudem möchten sie islamische Schulen und Moscheen schaffen. Den Juden würden auch eigene Schulen und Gebetsstätten zugestanden. «Aber wenn wir Muslime davon sprechen, dann heisst es sofort, wir schafften Parallelgesellschaften.»

Von Janine Hosp. Aktualisiert um 14 02 2010 08:15 Uhr